von Fadila Tajić

Eine 41jährige Frau aus Ägypten, die selbst Elektrotechnik in ihrem Heimatland studierte und in Graz lebt, meint: „Bei vielen ägyptischen Familien herrscht die Meinung vor, Lehre habe einen eher schlechten Ruf. Sie glauben, dass die Universitäten für die Zukunft ihrer Kinder das Beste sei. Oft möchten manche Familien es nicht wahrhaben, dass es auch andere gute Bildungsmöglichkeiten gibt und sehen den Weg Volksschule – Gymnasium – Universität als die beste Lösung für ihre Kinder. Dass dadurch viele Kinder in den Gymnasien überfordert werden, die Klassen wiederholen oder die Schule ganz abbrechen, wird in Kauf genommen. Da in Ägypten eine Lehre ein schlechtes Image hat, glauben die Familien, dass dies auch in Österreich der Fall ist.“

Wenn es um die Lehre im technischen Bereich geht, dann haben viele migrantische Familien ein traditionelles Verständnis: Machen die Mädchen eine Lehre, dann machen sie diese um Verkäuferin, Frisörin, Arztassistentin, Krankenschwerster, Buchhalterin etc. zu werden. Selten interessiert sie eine Lehrausbildung im technischen Bereich. Wenn sie aber die Möglichkeit haben an einer technischen Universität zu studieren, werden sie von ihren Eltern, die universitäre Laufbahn ihrer Kinder im technischen Bereich, egal ob männlich oder weiblich, immer unterstützen.

Information optimieren

Als Mädchen mit einer Migrationsbiografie war es manchmal sehr mühsam richtige Informationen zur Bildung zu bekommen. Meist spielten Menschen, die mit dem Schulsystem nicht viel zu tun hatten, eine bedeutende Rolle bei der Entscheidung welche Schule oder Studium zu wählen. Meine Eltern kannten damals das österreichische Bildungssystem nicht so gut. Von ihrem Bildungsverständnis her wussten sie, dass in Bosnien und Herzegowina das Gymnasium immer schon eine sehr gute Schule war und ein gutes Image hatte. Sie waren umso glücklicher, dass ich das Gymnasium besuchen konnte. Hier müsste man viel mehr Informationsarbeit leisten. Die Eltern sollen gründlich informiert werden über das Bildungssystem und die Qualität einer Lehre, insbesondere einer Lehre im technischen Bereich.

Oft haben die Familien grundlegende Information zur Bildung nicht ganz verstanden oder bekommen von ihren Kindern aus den Schulen Halbinformationen. Ich kann nur sagen, dass man mit 14 Jahren nicht genau weiß, was man machen möchte. SchülerInnen in diesem Alter können sich nicht wirklich entscheiden, was sie wirklich lernen möchten. Ich glaube, es muss viel mehr Information an die SchülerInnen gebracht werden. SchülerInnen sollen sich selbst kennenlernen, verschiedene Tests machen, ausprobieren, schnuppern… das alles ist ganz wichtig.

Familienfreundliche Unternehmenskultur kommunizieren

Zusätzlich sind Berufe im technischen Bereich eher Vollzeitjobs. Dies bedeutet, dass Mädchen, die irgendwann einmal eine Familie gründen möchten, sich überlegen müssen, wie ihr Unternehmen diesbezüglich eingestellt wäre. Für viele Mädchen mit Migrationsbiografie ist eine Familiengründung ganz wichtig, vielleicht ist es dadurch schon am Anfang klar, dass sie nicht eine Ausbildung im technischen Bereich machen wollen, weil sie glauben, dass Unternehmen im technischen Bereich grundsätzlich nicht sehr familienfreundlich sind.

Persönlich ansprechen

Eine 16-jährige HTL-Schülerin mit Migrationsbiografie erzählte mir von ihren Erfahrungen: „Für mich als Mädchen ist es nicht wichtig, dass in einem Unternehmen sehr viele Frauen arbeiten. Mir war von Anfang an klar, dass nicht viele junge Frauen diesen Weg einschlagen, allerdings gibt es da schon Sachen, welche Unternehmen verbessern können, um junge Frauen zu überzeugen Technikerinnen zu werden. Es reicht nicht, wenn auf Plakaten nur Frauen mit einer Maschine abgebildet sind. Ein Text, welcher uns persönlich anspricht muss auch noch her.“

Empfehlungsmarketing nutzen

Die HTL-Schülerin weiter: „Und Workshops, es gehören viel mehr Workshops mit Mädchen bzw. jungen Frauen gemacht. Es reicht, wenn nur eine Frau dadurch angesprochen wird, diese erzählt es einer anderen weiter und plötzlich hat man statt einer, fünf weitere. Auf ähnliche Weise bin ich zu meinem Pflichtpraktikum gekommen. Ich war auf einer Veranstaltung und kannte da eine Person, diese wiederum eine andere Frau kannte und diese wusste von einer Firma, welche PraktikantInnen suchte. Ich war und bin immer noch begeistert von diesem Praktikum. Dieses lockere Arbeitsklima gibt es wirklich nicht überall. Von mir wurden keine speziellen „Skills“ erwartet, sondern nur der Wille etwas wirklich zu wollen. Diese tolle Erfahrung hat mich in meiner Auswahl und Frage, ob ich das Richtige ausgewählt habe, nur bestätigt.“

Mädchen nicht nur als Expertinnen für Religionsfragen betrachten

Dass auch die sichtbare Religionszugehörigkeit und das Informationsdefizit für Mädchen den Zugang zu den Bildungsmöglichkeiten erschweren, erzählt eine Bekannte, die eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin gemacht hat: „Nachdem ich eine sichtbare Muslimin bin, also ein Kopftuch trage, habe ich schon bemerkt, dass ich vor großen Herausforderungen stehe. Es begann schon mit meiner Ausbildung als medizinisch-technische Assistentin. Beispielsweise fragte mich der Vortragende, ob ich alles verstehen würde, weil er ja auch langsamer reden könnte, falls das nötig ist. Er ist nicht davon ausgegangen, dass ich die deutsche Sprache beherrschen könnte. Ich nahm das jedoch nicht als Provokation auf, vielleicht war es wirklich nett gemeint. Was mich aber schon störte war, dass ich immer wieder auf die Themen, die in den Medien präsent waren und mit MuslimInnen zu tun hatten, automatisch angesprochen wurde. Es wurde nicht in Betracht gezogen, dass ich vielleicht nicht alles wissen kann, auch wenn es um MuslimInnen oder den Islam geht. So wurde ich auf das Burkaverbot angesprochen. Ich empfand dies als eine Provokation. Denn warum sollte ich dazu etwas sagen müssen?”

Antidiskriminierung auf gesellschaftlicher Ebene bekämpfen

Mädchen mit Migrationsbiografie sind stärker von Diskriminierung betroffen. Zum einen werden sie als Mädchen in solchen Berufen marginalisiert, auf Grund ihres Geschlechts, zum anderen kommt dann noch die Migrationsbiografie dazu. Viele Mädchen werden aufgrund ihrer Migrationsgeschichte und ihrer möglichen Sichtbarkeit der Religionszugehörigkeit in der Ausbildung und am Arbeitsplatz diskriminiert. Meine Bekannte erzählte mir dazu: „Im Rahmen meiner Ausbildung muss ich auch Praktika absolvieren. Ich merkte schon, dass es beispielsweise eine Distanz und ein Unbehagen bei den PatientInnen gab. Denn in dem Moment als sie sahen, dass ich ihnen Blut abnehmen werde, wurden sie ein bisschen unsicher. Ein Mißtrauen wurde spürbar. Aber nach kurzer Zeit verschwand diese Unsicherheit. Umso mehr war es für mich schockierend, dass ich am Arbeitsplatz durch die Kolleginnen Diskriminierungen erlebte. Bei einem bekannten Röntgenarzt wurden u.a. Aussagen, wie „Ein Hitler wäre nicht schlecht für euch“ getätigt. Bis heute kann ich solch ein Benehmen nicht verstehen und es beschäftigt mich sehr.“

Zum Schluss: Nehmt uns nicht das Selbstbewusstsein

Meiner Meinung nach sind die Mädchen auch deshalb unmotiviert eine Lehre im technischen Bereich zu machen, weil sie am Anfang mit sehr vielen Absagen konfrontiert werden, irgendwann verliert man dann die Motivation und interessiert sich dann nicht mehr dafür. Dann fehlt da noch der Glaube an sich selbst. Es gehört viel Motivation, und viel Information. Angst, Schüchternheit und Komplexe wegen mangelnder Deutschkenntnisse sind auf jeden Fall weitere Gründe, warum Mädchen oder junge Frauen den Schritt zur Ausbildung im technischen Bereich nicht machen.