Teil 3 des Interviews mit Silke Luttenberger zum Thema Orientierungsmuster von Jugendlichen bei Berufsentscheidungen

Unternehmen für Mädchen: Wo sehen Sie die gesellschaftliche Relevanz im Bereich Mädchen und technische Lehre? 

Silke Luttenberger: Es ist ja nicht nur das fehlende Interesse. Mädchen berichten ganz klar von Hindernissen. Sie wären bereit und interessieren sich dafür, aber es gibt Hindernisse, die abgebaut werden können oder wo es zusätzliche Informationen geben hätte müssen. Als gesellschaftliches Problem sehen wir: Auch wenn die Mädchen Interesse hätten, wird aus dem Umfeld geschlechtsstereotypisch Gegenteiliges vermittelt: Die Mama sagt oder der Papa sagt, „Doch nicht KFZ-Technikerin, da machst du dir die Finger schmutzig, das passt doch nicht für Mädchen.“ Diese Dinge werden gesellschaftlich und auch in der Schule vermittelt.

Unternehmen für Mädchen: Das gesellschaftliche Bild von Lehre: Jeden Jänner, Februar sind die Medien voll von Kampagnen, die die Lehre allgemein bewerben, aber auch das Interesse von Mädchen für technische Berufe wecken soll.

Silke Luttenberger: Es ist offensichtlich, dass es Handlungsbedarf gibt. Punktuelle Maßnahmen bewirken zumindest, dass ich Informationen dazu bekomme. Aber wenn diese Maßnahmen nicht an andere, beispielsweise schulische Maßnahmen gekoppelt sind, können sie kaum nachhaltig wirksam werden. Die Menge der von Ihnen genannten Maßnahmen und Aktionen führe ich darauf zurück, dass es immer weniger Lehrlinge gibt. Die Maßnahmen sind halt punktuell und nicht nachhaltig wirksam, wenn sie nicht in Folgemaßnahmen eingebunden sind.

Unternehmen für Mädchen: Sie haben vorhin von tatsächlichen oder erwarteten Hindernissen für Mädchen gesprochen – gehe ich recht in der Annahme, dass diese Hindernisse auch von Jugendlichen mit Migrationshintergrund stark wahrgenommen oder erwartet werden?

Silke Luttenberger: Die Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund berichtet oft, dass sie von zu Hause nicht die Unterstützung haben, sie erzählen auch von sprachlichen Barrieren, oder an noch weniger vorhandenen Zugängen zu Informationen.

Unternehmen für Mädchen: Weibliche Lehrlinge mit Migrationshintergrund in technischen Berufen – gibt es dazu Zahlen?

Silke Luttenberger: In unseren Vorläuferstudien spielte dieses Thema kaum eine Rolle, da die Gruppe nicht groß genug war um generalisierbare Aussagen darüber treffen zu können. Erste aktuelle Analysen zeigen, dass sie kaum Vorbilder zu Hause haben, auch in Hinblick auf untypische Berufe und dass die Eltern wenig Unterstützung leisten können bei der Lehrstellensuche. Sie berichten von Unsicherheit und fehlender Unterstützung. Dies gilt für MigrantInnen generell, ungeachtet des geschlechtstypischen oder –untypischen Berufs.

Unternehmen für Mädchen: Kann man sagen, dass es für Mädchen mit Migrationshintergrund tendenziell noch schwieriger ist, eine Lehre in einem technischen Beruf zu absolvieren? Stehen da genderspezifische Rollenzuschreibungen einer solchen Lehrstellenwahl eher im Weg?

Silke Luttenberger: Was geschlechtstypische oder –untypische Berufe sind, ist auch kulturabhängig. In der Steiermark etwa zählt die Lehre im Einzelhandel zum typisch weiblichen Beruf, wenn wir nach Wien gehen, wo die Anzahl der MigrantInnen prozentuell höher ist, sieht das anders aus: die Spar Akademie hat in Wien mehr Männer in der Lehrausbildung, und das sind häufig Migranten. Männer, die diesen Beruf wählen, weil dieser in der Herkunftskultur einen ganz anderen Stellenwert hat als bei uns. Wir sehen also kulturell geprägte Unterschiede, welche Berufe als typisch oder untypisch angesehen werden. Um auf die Mädchen zu kommen: Studien zeigen, dass abhängig von der Kultur (z.B. Türkei) eher Frauen in technische Berufe gehen.

HS-Prof. Mag. Dr. Silke Luttenberger, BEd
Hochschulprofessorin für Pädagogische Psychologie in der Primarstufe
Bundeszentrum für Professionalisierung in der Bildungsforschung
Pädagogische Hochschule Steiermark

Sissi Furgler Fotografie