Teil 2 des Interviews mit Jutta Frick, Projekt „Open MINT“ des Vereins „Taten statt Worte“
Unternehmen für Mädchen: Es gibt in diesem Thema ja sehr viele Maßnahmen und Projekte, auch medial wird sehr viel investiert, um das Image der Lehre insgesamt zu verbessern, aber auch um mehr Mädchen für technische Berufe zu begeistern.
Jutta Frick: Gott sei Dank gibt es viele Initiativen – hier besteht nach wie vor großer Informationsbedarf und es macht Sinn an möglichst vielen Punkten anzusetzen. Es scheint nach wie vor so, dass Schülerinnen nicht ausreichend gut informiert sind, sehr wenig über Lehrberufe und deren Ausbildung wissen. Das große Problem ist, dass der Trend weiterhin zum höheren Schulabschluss geht. In diese Richtung drängen auch die Eltern vielfach in der Meinung damit das Beste für ihr Kind zu erreichen. Die Eltern übersehen dabei, dass viele, aus welchen Gründen auch immer, auf der Strecke bleiben, die dann ohne Abschluss, ohne spezifische Ausbildung dastehen. Der ausbleibende Erfolg ist frustrierend und demotivierend und eine Lehre wäre sicherlich für viele eine gute Variante sich eine sehr gute, praxisorientierte Ausbildung und auch für später einen guten Arbeitsplatz zu sichern.
Unternehmen für Mädchen: Warum, glauben Sie, ist es nach wie vor so schwierig, Mädchen für eine technische Lehre zu begeistern?
Jutta Frick: Den Hauptgrund sehen wir darin: Die Großmutter hatte keinen technischen Beruf, die Mutter auch nicht, deshalb auch nicht die Tochter. Es fehlen die Vorbilder – und Information. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir in die Schulen gehen. Man erkennt hier oft das große Aha-Erlebnis, Mädchen können solche Berufe auch ausüben.
Die meisten Mädchen, die tatsächlich eine technische Lehre machen, haben einen Vater, einen Bruder, der entweder in derselben Firma oder in einem sehr ähnlichen Beruf tätig ist. Das heißt, diese Mädchen haben ein Vorbild gehabt und die anderen finden leider häufig keinen Zugang. Wir haben Rückmeldungen von Schülern und Lehrlingen bekommen, dass leider auch die Unterstützung bei der Berufsfindung bei ihnen, sowohl in der Schule, als auch zuhause nicht immer optimal war. Dabei haben wir sehr viele sehr gute und engagierte BO-LehrerInnen kennengelernt. Aber wir hören von Mädchen auch, dass teilweise gar nicht daran gedacht wurde, bestehende Kontakte zu technischen Unternehmen auch für Mädchen zu nutzen. Den Mädchen wird vielmehr gesagt, geht’s ins Büro, schaut`s euch eine Friseurlehre oder Sonstiges an. Die Kontakte zu den technischen Unternehmen wurden für die Burschen hergestellt. Vielfach ist es auch Unwissenheit, die hindert. Vorurteile, dass es keine technischen Lehrberufe gibt, die Mädchen auch körperlich leicht bewältigen können. Auch die Eltern, die ja – ob bewusst oder unbewusst – eine bedeutende Rolle in der Berufsorientierung ihrer Kinder spielen sind oft unsicher, wie sie unterstützen können. Und natürlich haben sich die Berufe auch stark verändert. Auch viele Eltern sind nicht umfassend informiert.
Unternehmen für Mädchen: Da scheinen hartnäckige gesellschaftliche Rollendefinitionen am Werk zu sein …
Jutta Frick: Gesellschaftliche Hintergründe spielen auf jeden Fall eine Rolle. Einige Mädchen haben erzählt, sie durften eine technische Lehre gar nicht sofort beginnen, sondern sie mussten zuerst eine Hauswirtschaftsschule besuchen und erst als sie nach 2 Jahren immer noch überzeugt waren, das sei das Richtige für sie, durften sie schließlich umsatteln und es waren häufig die Mütter und die Großmütter, die dagegen auftraten. Es bestehen noch immer Vorurteile, alle technischen Lehren seien sehr dreckig, mit sehr schwerer körperlicher Arbeit verbunden. Aber die Berufe und auch die technischen Hilfsmittel haben sich stark verändert. Man muss ich auch die anderen Berufe ansehen – wenn man z.B. nur an die Gastronomie denkt, in der auch schwer getragen werden muss – Getränke, Teller, Gebinde – oder an die Lärmbelästigung, wenn man in einer Diskothek arbeitet, das kann körperlich sehr anstrengend sein und es gibt in vielen Berufssparten keine so guten Schutzvorkehrungen und Hilfsmittel wie bei technischen Berufen.
Unternehmen für Mädchen: Wofür steht der Trägerverein dieses Projektes „Taten statt Worte“ und wie ist die Schnittstelle zu technische Lehre für Mädchen beschaffen?
Jutta Frick: Ridi M. Steibl hat mit ihrer Initiative “Taten statt Worte” in den vergangenen 25 Jahren schon sehr viele Gleichstellungsprojekte ins Leben gerufen, die das Ziel verfolgen, die Situation von Frauen und Männern in der Arbeitswelt zu verbessern. Neben Open MINT zählt auch zum Beispiel der Wettbewerb “Familienfreundlichste Betriebe der Steiermark” dazu. Ausgezeichnet werden Unternehmen mit familienfreundlichen und innovativen Maßnahmen, die ihren MitarbeiterInnen eine ausgewogene Work-Life-Balance ermöglichen und sich für Gleichstellung in der Arbeitswelt einsetzen.
Unternehmen für Mädchen: Herzlichen Dank für das Gespräch!
