Botschafterinnen in Schulen – Aufgaben und Erfahrungen
Teil 1 des Interviews mit Jutta Frick, Projekt „Open MINT“ der Initiative „Taten statt Worte“
Unternehmen für Mädchen: Welche Arbeitsschwerpunkte verfolgt das Projekt „Open Mint“?
Jutta Frick: Schwerpunkt von Open Mint ist, steirische Unternehmen mit Mädchen zu vernetzen. Open MINT arbeitet derzeit mit 12 Partnerunternehmen und bietet ihnen kostenlose Serviceleistungen an, die darauf abzielen, die Attraktivität des Betriebes für Mädchen zu erhöhen. Das Angebot reicht von unabhängigen Analysen bis hin zu Empfehlungen für etwa die Lehrlingsakquise, die Außendarstellung, Gestaltung des betrieblichen Umfeldes oder der betrieblichen Kommunikation.
Besonders wichtig sind aber die Information, die wir an Jugendliche direkt weitergeben. Dazu gehen wir gemeinsam mit MINT-Botschafterinnen aus den Unternehmen in Schulen. Mit ihnen informieren wir über technische Lehrberufe, über Karrierechancen, über Verdienstmöglichkeiten, über die Verschiedenartigkeit und Vielseitigkeit die diese Berufe bieten können.
Wir möchten Mädchen ermutigen, sich neben den herkömmlichen „Mädchenlehrberufen“ auch technische Lehrberufe näher anzuschauen. Wir wollen niemanden überreden etwas zu tun, aber wir möchten Mädchen die Möglichkeit bieten, sich Ausbildungsmöglichkeiten ansehen, die bisher noch nicht von ihnen in Erwägung gezogen wurden, sich zu informieren und Neues auszuprobieren. Das kann ganz konkret in Form von Schnupperlehren, Technikworkshops aber auch bei Informationstagen, Messen oder durch Webseiten passieren.
Unternehmen für Mädchen: Das heißt, sie stellen in den Schulen Berufsbilder und Unternehmen vor …
Jutta Frick: Genau. In den Schulen geben wir einen Überblick, welche technischen Lehrberufe es überhaupt gibt und welche Vorteile das Erlernen eines solchen Lehrberufs mit sich bringen kann. Wir weisen auch darauf hin, dass ein und derselbe Lehrberuf in unterschiedlichen Unternehmen sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann, etwa bedingt durch die Dinge, die das Unternehmen produziert.
Unternehmen für Mädchen: Welche Argumente bringen Sie für eine technische Lehre für Mädchen ins Spiel?
Jutta Frick: Wir zeigen etwa die Gehaltsunterschiede zu den klassischen Mädchenberufen, wie sich dies schon in der Lehrzeit manifestiert und danach natürlich auch. Wir zeigen auch die Karrieremöglichkeiten auf. Einzelne Unternehmen haben bereits Mitarbeitende vorzuweisen, die mit einer Lehre begonnen haben und es bis in die Vorstandsebene geschafft haben.
Es wird auch gezeigt, dass durch die Entscheidung einer technischen Lehrausbildung viele Wege offenstehen. Ein Vorbehalt der Eltern ist ja oft, dass sie für ihre Kinder die Matura wollen und dass sie die Möglichkeit haben zu studieren. Dies ist ja jetzt mit einer Lehrausbildung alles möglich.
Ganz besonders wichtig ist aber, dass die MINT-Botschafterinnen über ihre Ausbildung und ihren Beruf erzählen. Diese jungen Frauen sind sehr stolz auf das, was sie können und während ihrer Ausbildung lernen. Sie sind auch stolz darauf, dass sie etwas anderes machen als die meisten ihrer Freundinnen, es sich zutrauen und dass ihre Rechnung aufgegangen ist. Sie lernen einen abwechslungsreichen Beruf, der Spaß macht und sie selber merken, dass ihnen viele Wege offenstehen. Wir haben kein einziges Mädchen getroffen, das sagte, ihre Berufswahl sei eine Fehlentscheidung gewesen. Auch für uns ist es sehr schön, diese Rückmeldungen zu bekommen und für die Schülerinnen ist es ganz wichtig zu sehen, dass Mädchen hier mit dieser Berufswahl Freude und Erfolg haben.
Unternehmen für Mädchen: Handelt es sich bei den Botschafterinnen ausschließlich um Lehrlinge?
Jutta Frick: Das sind nicht ausschließlich Lehrlinge, sondern auch junge Facharbeiterinnen, die älteste ist Ende 20. Der überwiegende Teil besteht jedoch schon aus Lehrlingen. Wir bereiten sie in Gesprächen und in einem Workshop auf ihre Aufgabe vor. Wir üben mit ihnen Präsentationstechnik, freie Rede und erarbeiten, welche Informationen für Jugendliche interessant sein könnten, die noch wenig über technische Berufe wissen. Die jungen Frauen lernen dabei, ihren Beruf, sich selber und das Unternehmen zu präsentieren. Dinge, die sie nicht nur bei Schulbesuchen, sondern auch bei Messen oder sonstigen Veranstaltungen anwenden können.
Unternehmen für Mädchen: In welchen Schulen sind Sie unterwegs?
Jutta Frick: Wir haben bisher Schulen in Grazer Umlandgemeinden und in Graz besucht, in erster Linie die neuen Mittelschulen, aber auch PTS, wo wir in die 3. und 4. Klassen gehen – besonders wichtig sind für uns die 3. Klassen, da am Anfang der 4. Klasse die berufspraktischen Tage am Programm stehen. Und da können die Schülerinnen bereits technische Lehrberufe in Form von Schnupperlehren kennenlernen. Wir haben hier auch bereits zu unseren Partnerbetrieben vermittelt. Es ist ganz wichtig, dass die Mädchen verschiedene Berufe und Unternehmen kennenlernen können.
Unternehmen für Mädchen: Gibt es schon Erfahrungen, wie es den Botschafterinnen dabei geht?
Jutta Frick: Wir haben nur positive Rückmeldungen erhalten. Für die Mädchen ist das eine tolle Geschichte zu zeigen, was sie geschafft haben. Sie sind sehr stolz darauf, was sie tun. Und für die Schülerinnen ist es eine tolle Geschichte zu sehen, dass die Mädchen, die in technischen Berufen tätig sind, keine Superpowerfrauen mit übermenschlichen Kräften sein müssen, sondern dass ganz normale Mädchen einen technischen Beruf ausüben können.
Unsere Botschafterinnen berichten über ihre Arbeit, sie erzählen, wie sie dazu gekommen sind, was ihnen besonders gut in ihrem Betrieb gefällt. Wir geben nicht vor, was jemand sagen soll. Wir merken auch bei den Schülern, dass das besonders gut ankommt. Hier wird Information aus erster Hand, unverfälscht und mehr oder minder auf selber Augenhöhe weitergegeben. Auch von Seiten der SchülerInnen werden viele Fragen an die Lehrlinge gestellt. Das zeigt uns, dass der Informationsbedarf und das Interesse groß sind.
Unternehmen für Mädchen: Gehen die Botschafterinnen gerne in Schulen, präsentieren sie ihre Erfahrungen gerne?
Jutta Frick: Es war keine einzige dabei, die gesagt hätte, ich möchte nicht mehr in die Schule mitgehen. Ganz im Gegenteil, manche waren schon 3 oder 4-mal in den Schulen dabei. Die Botschafterinnen bekommen auch von den Schülern viel positives Feedback. Unsere Botschafterinnen sind alle extrem stolz auf ihre Betriebe. Die Ausbildung kostet den Unternehmen sehr viel Geld, sie ist auch entsprechend hochwertig und die Mädchen haben das Gefühl, dass sie gut aufgehoben sind.

Jutta Frick, Open MINT
Projektmanagement, Beratung, Marketingexpertin, Employer Branding