Klarheit über die eigenen Interessen, breite Information im Umfeld und konzertierte Maßnahmen von Unternehmen, Schulen und Eltern unterstützen die richtige Berufswahl
Interview mit Silke Luttenberger
Teil 1: Entwickeln von Interessen durch Ermöglichen von positiven Erfahrungen
Unternehmen für Mädchen: Wie treffen Jugendliche die Entscheidung, ob und welche Lehre sie absolvieren möchten?
Silke Luttenberger: Wir haben die wirkenden Schlüsselmechanismen vor dem Hintergrund von theoretischen Rahmenmodellen untersucht, etwa der Social Cognitive Career Theory. Individuelle Faktoren (z.B. Einschätzung der eigenen Fähigkeiten) sind wichtig für die Entwicklung von Interessen, und zum anderen wirken natürlich auch Faktoren aus dem Umfeld, gerade was Geschlechtsstereotype betrifft. In vielen Fällen allerdings wissen Jugendliche gar nicht, wo ihre Interessen liegen. Was also ihre Fähigkeiten, ihre Stärken sind.
Unternehmen für Mädchen: Wann fallen denn die Entscheidungen?
Silke Luttenberger: Das ist unterschiedlich. Unsere Daten zeigen, dass in der letzten „heißen Phase“, wo sie ja eigentlich schon orientiert sein sollten, noch sehr viel gewechselt wird bis in die Phase, wo sie tatsächlich in einem Lehrberuf Fuß fassen. Man kann vermuten, dass sie über ihre Interessen noch immer zu wenig Bescheid wissen oder wenig Unterstützung im sozialen Umfeld wahrnehmen. Je besser meine Entscheidungen zu meinen Interessen passen, umso zufriedener sollte ich mit dieser Entscheidung sein, umso eher werde ich in diesem Beruf bleiben und nicht nach 2 Monaten aufgeben. Es sollte mit einem längerfristigen Wohlbefinden im Beruf verbunden sein.
Unternehmen für Mädchen: Wurden in Ihren Analysen genderrelevante Berufsentscheidungen erhoben?
Silke Luttenberger: Von den 574 PTS SchülerInnen haben ca. 20% der Mädchen einen geschlechtsuntypischen Berufswunsch in der Bewerbungsphase angegeben, von den Burschen nur 8%. Zum Zeitpunkt, wo sie endgültig eine Berufsentscheidung treffen, haben wir noch einmal einen starken Wechsel. Wir sehen, dass Jugendliche mit untypischen Berufswünschen während der Bewerbungsphase häufiger von Schwierigkeiten berichten als Jugendliche mit geschlechtstypischen Berufswünschen. So nehmen beispielsweise Mädchen mit untypischen Berufswünschen verstärkt Hindernisse im sozialen Umfeld wahr (fehlende Unterstützung durch die Eltern oder auch Hindernisse in den Betrieben). Burschen mit untypischen Berufswünschen berichten dagegen eher von Unsicherheiten über die eigenen Interessen und Fähigkeiten.
Unternehmen für Mädchen: Wir haben die These, dass ein entscheidender Faktor die Familie ist, noch weit vor den Peers und vor der Schule. Wie sehen Sie das?
Silke Luttenberger: Ähnlich, die Familie kann dabei unterstützend aber auch hinderlich wirken. Gerade was die Entscheidung für geschlechtsuntypische Berufsentscheidungen gilt. Natürlich gibt es eine dezidierte Orientierung an den Eltern, welche Aktivitäten sie forcieren, welche Hobbies, in der Freizeit, aber auch bei Tätigkeiten, die mit Berufen verknüpft sind. Welche Möglichkeiten werden geboten, Erfahrungen zu sammeln, Informationen zu bekommen darüber, was überhaupt erforderlich ist in einem Beruf, um erfolgreich sein zu können. Was wird ermöglicht, konkret auszuprobieren? Wir sehen aber auch, dass für die Jugendlichen Peers sehr wichtig sind.
Unternehmen für Mädchen: Ausbilder schwärmen immer von Mädchen, die schon von Kindheit an „in der Werkstatt vom Papa geschraubt haben“ …
Silke Luttenberger: Wir haben mit einem Kollegen in Deutschland Daten von MINT-Studentinnen angesehen. Diese haben zu 50% einen Vater, der aus dem MINT Bereich kommt. Sie sagen in den Interviews, ausschlaggebender Grund für sie, dass sie der Bereich interessiert hat und dass sie überhaupt wussten, dass sie dort gut sein können war, etwas konkret ausprobiert zu haben. Ein Beispiel: Der Papa hat Trockeneis aus dem Labor mit nach Hause genommen und sie haben damit herumexperimentiert und so ist zum einen diese positive Einschätzung über die eigenen Fähigkeiten entstanden. Zu wissen, ich bin ein Mädchen, aber ich kann auch in diesem untypischen Bereich gut sein. Lernerfahrungen, die über die Familie vermittelt sind, bilden einen ganz wichtigen Einflussfaktor. Diese Lernerfahrungen können auch in der Schule unterstützt werden. Unsere Analysen zeigen, dass vor allem Mathematik als ein Schlüsselfaktor für Mädchen in untypischen Berufen gilt.
Erlebte oder erwartete Hindernisse für Mädchen formen das Image der technischen Lehre.
Unternehmen für Mädchen: Was die Peers betrifft, fürchten Unternehmen häufig, dass in den Social Media ein unerwünschtes Bild entsteht. Ein Beispiel: Wenn beim Schnuppern schlechte Erfahrungen gemacht werden, wird dies über Social Media verbreitet und dadurch kann ein negatives Image entstehen.
Silke Luttenberger: Unsere Ergebnisse zeigen, dass gerade Mädchen, die untypische Berufswünsche äußern häufig von Hindernissen im Umfeld berichten, unter anderem auch in den Betrieben. Wir können annehmen, dass diese Hindernisse kommuniziert werden und damit ein konkretes Bild von bestimmten Berufen entsteht. Diese Ergebnisse werden auch von einer aktuellen deutschen Studie bestätigt, die von Vorbehalten in Betrieben gegenüber Bewerbungen von Mädchen in „Männerberufen“ berichten.
Unternehmen für Mädchen: Welche Schwierigkeiten werden genannt?
Silke Luttenberger: Wir haben 5 Mädchen zu unterschiedlichen Zeitpunkten interviewt, von diesen 5 Mädchen haben 3 auf einen geschlechtstypischen Beruf gewechselt. Aktuell schauen wir uns differenziert an, was Gründe dafür sein könnten. Die Mädchen berichten von Hindernissen und fehlender Unterstützung im Umfeld. Eltern, die nicht hinter dem Berufswunsch stehen, oder auf der Ebene der Betriebe, wo sie Hindernisse vermuten oder auch erlebt haben. Etwa schwierige Situationen während der Bewerbung. Die ihnen gezeigt haben, Mädchen sind in dem Beruf Metalltechnikerin, KFZ-Technikerin doch nicht so willkommen. Wir sehen auch, dass Jugendliche vor allem bei diesen untypischen Berufsentscheidungen bleiben, wenn sie selbstbestimmt diese Entscheidungen getroffen haben und überzeugt von ihren Fähigkeiten sind. Dazu gehört es auch, konkrete Vorstellungen vom zukünftigen Beruf zu haben.
Unternehmen für Mädchen: Umgekehrt müssten ja auch positive Erfahrungen entsprechend kommuniziert werden …
Silke Luttenberger: Wir haben an den PTS gesehen, dass manche Standorte Mädchen, die in einem geschlechtsuntypischen Lehrberuf Fuß gefasst haben, erfolgreich sind, an die Schule geholt werden, um im Bereich Peer-Coaching die Mädchen zu unterstützen. Das kann eine Maßnahme sein um zu zeigen, dass Mädchen auch in diesem Bereich erfolgreich sein können.
HS-Prof. Mag. Dr. Silke Luttenberger, BEd
Hochschulprofessorin für Pädagogische Psychologie in der Primarstufe
Bundeszentrum für Professionalisierung in der Bildungsforschung
Pädagogische Hochschule Steiermark
